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Udo I. im Lahngau

Udo I. im Lahngau wurde in kürze einer der wichtigsten Grafen im West- und Ostfrankenreich und war eng in der Politik des Kaisers verzahnt. Als jedoch mit seiner Grafenernennung ein Streit unter den Vasallen des Kaisers entbrannte, wurde Udo mehrmals in den Konflikt verwickelt, was sogar zu seinem Tod im Jahre 834 führte.

Udo wird als Stammvater der Konradiner angesehen, von denen ein Graf sogar König im Ostfrankenreich wurde. Udos Nachfahren bauten nach und nach ihre Macht im heutigen Rhein-Lahngebiet und Westerwald strategisch aus und führten mehrere Fehden gegen andere Familien.

Trotz einigen erfolgreichen Fehden und mehreren Herzogstiteln – wie das Herzogtum Schwaben – in den Händen der Familie, starb sie im Jahr 1036 mit Otto von Hammerstein aus, der über ein großes Eigengut im Westerwald und in der Wetterau verfügte.


Anders als bei den meisten bekannten Persönlichkeiten aus Udos Zeit, ist die Frage „Wer waren Udos Eltern?” seit Jahrzehnten Mittelpunkt mehrerer Diskussionen rund um die Geroldonen und Konradiner.

In diesem Kapitel über Udo möchte ich einmal die Verschiedenen Ansichten und möglichen Eltern erklären, und anschließend anhand der handfesten Belege die wir haben ein grobes Bild seiner Herkunft herstellen.

Als Vater Udos werden zwei Brüder aus dem Geschlecht der Geroldonen vermutet, die beide Söhne des Grafen Gerold I. und der Imma waren, namens Adrian (auch Hadrian) und Erbio. Da Markgraf Bernhard von Septimanien urkundlich als Vetter (Cousin) von Udo erwähnt wird, wird als Mutter eine unbekannte Schwester des Grafen Wilhelm von Aquitanien angenommen.1 Unterstützt wird diese Ansichtsweise dadurch, dass ein Bruder Udos Wilhelm hieß.

Doch wir können die Auswahlmöglichkeit noch mehr einengen – als Tochter Adrians und einer Waldrat wird mehrfach eine Wiltrud erwähnt, die Robert III. im Wormsgau heiratete und später die ererbte Grafschaft Orléans an ihren gemeinsamen Sohn Robert dem Tapferen brachte. Daher, dass sie Orléans erbte, könnte man Wiltrud als Schwester Udos erkennen, jedoch war die Mutter Wiltruds, Waldrat, wohl eine Tochter des Grafenpaares Erphold und Waldrat aus dem Geschlecht der Widonen.

Weißenburg im Elsass im Jahr 1572, Stich von Braun-Hogenberg

Das heißt also, dass nur noch Erbio eine Schwester des Grafen Wilhelm von Aquitanien geheiratet haben kann. Was Erbios Vaterschaft noch mehr verstärkt, ist eine Urkunde aus dem Jahr 808 zur Schenkung an das Kloster Weißenburg im Elsass. Hier werden ein Erbio mit seinen Kindern Uado (Udo) und Eugenia genannt.2

Der Historiker Michael Mitterauer, der mit dieser Schenkungsurkunde Erbio als Vater von Udo belegte, hinterfragte damit bewusst die Interpretation einer Urkunde aus dem Jahr 793, in der steht:3

„Adrianus filius Geroldi pro anima Erbionis germani mei”

Bisher wurde dieser Teil der Urkunde als „für die Seele meines leiblichen Bruders Erbio” übersetzt, woraus geschlossen wurde, dass Erbio bereits im Juli 793 gestorben war. So oder so ist es aber sehr wahrscheinlich, dass Erbio tatsächlich der Vater von Udo und damit auch von Wilhelm war.

Anhand der jetzt gesammelten Hintergründe zu Udos Herkunft, können wir nun sicher in Udos eigentlichem Leben einsteigen.


Udo wurde also als Sohn des Geroldonen Erbio und einer Schwester des Grafen Wilhelm von Toulouse geboren und wurde nach seinem Onkel Uto († vor 803) benannt. Im Jahr 808 erstmals erwähnt, ist Udo geschätzt um 793 oder früher geboren, was sehr gut zu den Daten seiner Eltern passt (Erbio ist um 770 oder früher geboren).

Udo heiratete um 810 Ingeltrud, eine Tochter des Grafen Leuthard von Paris und Schwester des Seneschalls Adalhard I. von Metz, Stammvater der Herzöge von Lothringen aus dem Hause Chatenois. Mit Ingeltrud (auch Engeltrudis) hatte Udo drei Kinder:

  • Gebhard (* um 812;4 † nach 879), 832 erstmals bezeugt, Graf im Lahngau, 854 Stifter von St. Severus, 879 Mönch in Gemünden
  • Wilhelm (* um 818;5 † 866 hingerichtet), Graf von Orléans
  • Irmentrud (* 27. September um 820/25; † 6. Oktober 869), ⚭  13. Dezember 842 Karl der Kahle

Udo als Graf im Lahngau

Vor seiner ersten Erwähnung als Graf wird er im Jahr 810 in den Annales Fuldenses (Fuldaer Annalen) als legatus imperatoris, also Gesandter des Kaisers erwähnt. Ein Jahr später wird Udo dann in den Annalen Einhards als Uodo comes erwähnt, jedoch ohne seine Grafschaft zu nennen.6

Burg Limburg und der Limburger Dom um 1862, Gemälde von George Stanfield.

Die moderne Burg Limburg wurde auf den Fundamenten einer alten Konradinerburg erbaut, die als Residenz der Lahngaugrafen diente.

Erstmals als Herrscher einer Grafschaft wird Udo dann im Jahr 821 im Lahngau genannt, als die Witwe des Grafen Adrian, Waldrat, einige Güter aus der Hinterlassenschaft ihres Gatten dem Kloster Fulda schenkte. Zu den Gütern zählten das Kastell Bingen im Wormsgau, die Orte Brey und Spey bei Boppard und sechs weitere Orte im Niederlahngau mit Konsens des Grafen Udo.7

Anhand der Güter ist klar erkennbar, dass Adrian Graf im Lahngau war und die Grafschaft an seinen Neffen Udo vererbte, da er selbst nur eine Tochter hatte. Udo und Waldrat werden zusammen zuletzt am 16. Februar 824 erwähnt, als sie das Vermächtnis aus dem Jahr 821 im Dorfe Becchilenheim (heute Schloßböckelheim im Landkreis Bad-Kreuznach) erneuern, das damals im Nahegau lag.8

Später um die Jahrtausendwende wird ein Herzog Cuno von Beckilnheim erwähnt, bei welchem es sich wahrscheinlich um Udos Nachfahren Herzog Kuno (Konrad I.) von Schwaben handelt.

Auch während Udo Graf war, tauchte er weiterhin als Vertreter und Berater des Kaisers auf, wie im Jahr 819, als er einen Fall durch eine Untersuchung eines Waldes klären sollte und im Namen des Kaisers selbst entscheiden sollte.9

Zuletzt wird Udo am 24. Juni 826 in der Pfalz Ingelheim als Graf im Lahngau und Mundschenk erwähnt, bevor er seit 828 als Gefolgsmann und Vasall von Kaiser Ludwig dem Frommen im Westfrankenreich herrschte.

Der Aufstieg und Fall Matfrieds

Der unter Kaiser Ludwig dem Frommen politisch und militärisch mächtige und aufsteigende Matfried taucht seit 815 mehrfach am Hofe des Kaisers auf, und begleitete die Kaiserin Judith am 24. Juni 826 bei der Taufe des Königs Harald Klak von Jütland in Ingelheim, bei der auch Udo anwesend war. Beide, Matfried und Udo, wussten damals noch nicht, dass sie nur wenige Jahre später unversöhnliche Gegner werden würden.

Darstellung von Orléans im 15. Jahrhundert, 1908

827 setzte Ludwig Matfried sogar als Graf von Orléans ein, was ein Vertrauen Ludwigs in Matfried zeigt, da diese Grafschaft meist nur enge Berater des Kaisers erhielten. Noch im selben Jahr beauftragte Ludwig seinen Sohn Pippin, den Etichonen Hugo von Tours und Matfried, ein Heer zu bilden, um dem Grafen Bernhard von Barcelona, Udos Cousin, zur Hilfe zu eilen, da die Grafschaft Barcelona erst kürzlich von maurischen Truppen besetzt und geplündert wurde.

Jedoch erfolgte die Rekrutierung und Aufstellung des Heeres zu spät und die Mauren befanden sich bereits auf dem Rückzug. Bernhard siegte zwar letztendlich gegen den Aufstand des Mauren Aysun, indem er die Eroberung der Städte Barcelona und Girona aufhielt, jedoch wurde er mit einer geplünderten Grafschaft zurückgelassen.

Aufstieg Udos und Beginn der Rivalität

Darstellung Ludwigs des Frommen als Miles Christi, um 831

Kaiser Ludwig war, nachdem er die Nachricht erhielt, so enttäuscht von Pippin, Hugo und Matfried, dass er ihnen auf dem Hoftag im Februar 828 in Aachen ihre Grafschaften aberkannte. Nun vergab Ludwig die Grafschaft Orléans an Udo,10 der ein Schützling der Kaiserin Judith war11 und auch sonst zuvor hohe Ämter im Reich hielt und wie wir wissen Graf im Rheinland war. Doch viel wichtiger – Udo war über seine Mutter ein Vetter des im Stich gelassenen Bernhard von Barcelona.

Udos Bruder Wilhelm wurde außerdem um diese Zeit als Graf der südlich von Orléans liegenden Grafschaft Blois eingesetzt. Udo und Wilhelm wurden damit zu den mächtigsten Unterstützern von Ludwig dem Frommen.

Seit 828 wird Udo dann als Odo comes Aurelianensium (Graf von Orléans) an der Loire erwähnt, doch nur zwei Jahre später, im April 830, erhob sich Pippin gegen Ludwig und setzte Matfried wieder als Graf von Orléans ein.12

Von jetzt an schien alles bergab zu gehen – Bernhard floh zurück nach Barcelona, Udo wurde nach Italien verbannt und Kaiserin Judith wurde wegen Ehebruch ins Kloster geschickt,13 der Kampf jedoch war noch lange nicht vorbei.

Die Schlacht um Orléans

Im Oktober konnte Ludwig den Streit etwas beilegen und Udo erlangte wieder seine Grafschaft zurück. Während der zweiten Rebellion der Söhne Ludwigs verwüstete Udo mit seinem Bruder Wilhelm von Blois und Graf Wido von Maine siegesgewiss im Juni 834 das Land auf dem Weg zur Bretonischen Mark. Als Udo mit seinem Heer sorgenlos an der Grenze zur Bretagne stand, überraschten die unterlegenen Grafen Lambert von Nantes und Matfried Udos Heer und erlangten nach einem kurzen Kampf einen vollständigen Sieg, wobei Udo selbst, sein Bruder Wilhelm, Graf Wido von Maine, Graf Fulbert und der kaiserliche Kanzler Theudo im Kampf fielen.14

Die Nachricht des blutigen Kampfes verbreitete sich schnell und wurde in einigen Annalen und Chroniken des 9. Jahrhunderts aufgenommen.15 Der französische Historiker René Merlet († 1933) vermutete, dass die Schlacht in Torraine statt fand.16

Udo wurde etwas älter als 40 Jahre und vererbte die Grafschaft an seinen Sohn Wilhelm, während sein erstgeborener Sohn Gebhard die rheinischen Güter im Lahngau vermutlich bereits um 832 geerbt hatte. Gebhard blieb wie sein Vater ein Anhänger von Kaiser Ludwig und wurde nachdem dieser starb ein treuer Gefolgsmann von Ludwig dem Deutschen.


Datum der ErwähnungTitelName
808Uado
810legatus imperatorisOdo
811comesUodo
819buticulariusOdo
10. November 821LognahiUoto
24. Februar 824Uoto
24. Juni 826pincerna imperatorisUoto
Februar 828comite AurelianensiOdo
April/Mai 830AurelianensemHodone
831LobdengauUdo
834comisOddo
834comesUodo
834comes AurelianensiumUdo
834Aurelianorum comesOdo
834comitemOdonem

  1. Ernst Dümmler: Geschichte des Ostfränkischen Reiches. Band I. S. 53 (Online) ↩︎
  2. Michael Mitterauer: Karolingische Markgrafen im Südosten. S. 14 ↩︎
  3. Codex Laureshamensis II Nr. 396 ↩︎
  4. Geschätztes Geburtsdatum ↩︎
  5. Geschätztes Geburtsdatum ↩︎
  6. Einhardi Annales. 811. MGH SS I, S. 198 (Online) ↩︎
  7. Adam Goerz: Mittelrheinische Regesten. Band I. S. 131 (Online) ↩︎
  8. Adam Goerz: Mittelrheinische Regesten. Band I. S. 134 (Online) ↩︎
  9. MGH Capit. 1, Nr. 141: Capitulare missorum. (Online) ↩︎
  10. Miracula Sancti Bernardi. 828. ↩︎
  11. Rudolf Schieffer: Die Karolinger. S. 127. ↩︎
  12. Vita Hludowici Imperatoris 44/45. MGH SS II, S. 633 (Online) ↩︎
  13. Ernst Dümmler: Geschichte des Ostfränkischen Reiches. Band I. S. 59 (Online) ↩︎
  14. Ernst Dümmler: Geschichte des Ostfränkischen Reiches. Band I. S. 97 (Online) ↩︎
  15. z.B. in den Annales Fuldenses, der Chronik von Adémar de Chabannes oder der Chronica Rainaldi ↩︎
  16. René Merlet: Les comtes de Chartres, de Châteaudun et de Blois aux IX et X siècles. S. 24 ↩︎

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